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Warum CO₂-Daten heute in Angeboten auftauchen
CO₂-Daten tauchen immer häufiger dort auf, wo man sie früher kaum erwartet hätte: in Angeboten, Ausschreibungen und Lieferantenunterlagen. Das ist kein Zufall. Dahinter stehen neue Anforderungen an Transparenz, Vergleichbarkeit und belastbare Klimadaten entlang der Wertschöpfungskette.
Eine Zahl nach der früher keiner gefragt hat
Angebote folgen meist einem vertrauten Muster. Sie beginnen mit einer kurzen Einleitung, werden dann konkreter, nennen Preis, technische Spezifikation, Lieferzeit. Man weiß, wo man suchen muss, wenn man verstehen will, worum es geht. Viel hat sich daran über Jahre nicht verändert.
Und doch taucht in manchen Angeboten inzwischen eine zusätzliche Angabe auf. Selten ganz am Anfang, manchmal nur in einem Datenblatt oder als ergänzende Zeile. Eine Zahl, die dort früher nicht stand: CO₂.
Wer solche Angebote liest, merkt schnell, dass diese Zahl selten aus reiner Zierde auftaucht. Sie ist meist auch keine spontane Idee des Vertriebs. Dahinter steht vielmehr eine Entwicklung, die sich in Wertschöpfungsketten seit einiger Zeit aufbaut: Emissionsdaten werden zunehmend dort abgefragt, wo Unternehmen vergleichen, auswählen und dokumentieren müssen. CDP, eine der wichtigsten Plattformen für Umwelt- und Klimadaten, spricht für 2025 von rund 45.000 Lieferanten, die über das Supply-Chain-Programm zur Offenlegung aufgefordert wurden; beteiligt waren dabei über 270 große Einkaufsunternehmen. CDP beschreibt diese Daten ausdrücklich als Grundlage für standardisierte, vergleichbare Informationen in Beschaffung, Risikomanagement und Compliance.
Was aus Brüssel in Angeboten landet
Der Weg von der Regulierung ins Angebot ist dabei kürzer, als es auf den ersten Blick wirkt. Mit der CSRD und den europäischen ESRS müssen berichtspflichtige Unternehmen nicht nur über ihre eigenen Emissionen sprechen, sondern auch über Emissionen in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette. Der Klimastandard ESRS E1 verlangt unter anderem Angaben zu Scope-3-Emissionen, zu den berücksichtigten Berichtsgrenzen sowie zu den verwendeten Methoden und Tools. Zudem ist offenzulegen, zu welchem Anteil Emissionen auf Primärdaten von Lieferanten oder anderen Wertschöpfungskettenpartnern beruhen. EFRAG hat ergänzend eine eigene Umsetzungshilfe zur Value Chain veröffentlicht, weil genau diese Datenbeschaffung in der Praxis als schwierig gilt.
Das klingt zunächst nach Berichtspflicht großer Unternehmen. In der Praxis reicht die Wirkung aber deutlich weiter. Wer selbst berichten muss, braucht Daten von anderen. Und wer diese Daten von anderen braucht, beginnt früher oder später, sie in Anfragen, Qualifizierungsbögen, Lieferantenbewertungen oder eben Angeboten mitzudenken. Nicht immer als Pflichtfeld. Oft reicht schon die Erwartung, dass belastbare Angaben grundsätzlich verfügbar sein sollten. Das ist einer der Gründe, warum CO₂-Daten heute nicht mehr nur im Nachhaltigkeitsbericht auftauchen, sondern immer öfter in Dokumenten, die früher allein von Einkauf, Technik und Vertrieb geprägt waren.
Der Unterschied entsteht nicht bei der Zahl, sondern bei ihrer Einordnung
Interessant ist dabei, dass CO₂-Daten ein Angebot selten alleine entscheiden. Die Zahl wirkt anders. Sie verändert zunächst den Blick auf das Dokument. Wo sie vorhanden ist, stellt sich sofort die nächste Frage: Wie wurde sie berechnet? Bezieht sie sich auf „cradle to gate“, also von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor? Oder auf „cradle to grave“, also bis zum Ende des Produktlebens? Ist es ein vollständiger Product Carbon Footprint oder nur ein Teilausschnitt? Genau an dieser Stelle wird aus einer Zahl ein fachlicher Prüfstein.
Dafür gibt es längst methodische Leitplanken. ISO 14067 beschreibt Prinzipien, Anforderungen und Leitlinien für die Quantifizierung und Berichterstattung des Carbon Footprint eines Produkts und knüpft dabei ausdrücklich an die Logik der Lebenszyklusanalyse nach ISO 14040 und 14044 an. Auch das GHG Protocol Product Standard ist genau für diesen Zweck entwickelt worden: Es soll Emissionen über den gesamten Produktlebenszyklus erfassen und vergleichbar machen. Das Problem in der Praxis ist deshalb meist nicht das völlige Fehlen von Methodik, sondern ihre uneinheitliche Anwendung. Zwei CO₂-Werte wirken nur dann vergleichbar, wenn Systemgrenzen, Datentiefe und Annahmen mitgedacht werden.
Warum der Einkauf plötzlich genauer hinschaut
Dass das Thema längst nicht mehr nur theoretisch ist, zeigen die Programme, die sich rund um den Datenaustausch bilden. CDP wirbt gegenüber Procurement-Teams offen damit, über standardisierte Lieferantendaten Risiken besser zu erkennen, Beschaffungsentscheidungen fundierter zu treffen und die Leistung der Lieferkette zu verbessern. In einer aktuellen Fallbeschreibung heißt es etwa, Bosch nutze primäre lieferantenspezifische Daten über CDP, um langfristige Beschaffungsentscheidungen und strategische Erwägungen zu unterstützen. Lenovo wiederum berichtet über eine Lieferanten-Antwortrate von 98 Prozent im CDP-Prozess und darüber, dass rund 70 Prozent der teilnehmenden Lieferanten Scope-3-Daten melden; 96 Prozent der Lieferanten nach Einkaufsvolumen verfügten dort bereits über öffentliche Emissionsminderungsziele. Das sind keine akademischen Fingerübungen mehr, sondern Anzeichen dafür, wie stark die Datenerwartung in manchen Lieferketten bereits geworden ist.
Hinzu kommt ein zweiter Strang, der für den Mittelstand noch wichtiger werden dürfte: der technische Datenaustausch auf Produktebene. Die WBCSD-Initiative PACT arbeitet seit Jahren daran, standardisierte Emissionsdaten entlang von Produktwertschöpfungsketten austauschbar zu machen. Das Ziel ist nicht bloß ein weiterer Bericht, sondern ein harmonisiertes System, mit dem Unternehmen Product-Carbon-Footprint-Daten über mehrere Stufen hinweg weitergeben können. WBCSD und beteiligte Unternehmen beschreiben diesen Schritt ausdrücklich als Voraussetzung für granularere und vergleichbare Daten in der Lieferkette. Fujitsu hat in einem solchen PACT-konformen Ansatz nach eigener Darstellung bereits PCF-Daten über mehrere Lieferantenebenen hinweg für die Notebook-Produktion verknüpft.
Was das für Angebote bedeutet
All das führt nicht dazu, dass morgen jedes Angebot zwingend einen CO₂-Wert tragen muss. So schnell verläuft dieser Wandel nicht. Aber es erklärt, warum die Zahl überhaupt auftaucht. Sie steht dort, weil andere Systeme sie inzwischen verwerten können: Berichtssysteme, Lieferantenportale, Qualifizierungsprozesse, Vergleichslogiken im Einkauf. Ein Angebot mit CO₂-Daten wirkt deshalb nicht automatisch besser. Es wirkt zunächst eher anschlussfähiger.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Unternehmen konkurrieren heute nicht nur über Preis, Qualität und Termin, sondern zunehmend auch darüber, wie gut sich ihre Angaben in übergeordnete Anforderungen einfügen. Ein CO₂-Wert, der methodisch sauber hergeleitet und im Zweifel wiederholbar ist, lässt sich weiterverwenden. Einer, der nur grob geschätzt oder nicht dokumentiert ist, schafft dagegen oft mehr Rückfragen als Entlastung. Genau deshalb ist die fachliche Arbeit an Product Carbon Footprints nicht bloß Rechenübung. Sie entscheidet darüber, ob eine Zahl im Dokument stehen kann, ohne beim nächsten Gespräch sofort wieder in sich zusammenzufallen.
Kein kleiner Wandel
Noch ist das keineswegs flächendeckend. Viele Branchen arbeiten weiterhin mit Angeboten, in denen CO₂ überhaupt nicht auftaucht. Und viele Kunden fragen noch gar nicht oder nur sehr punktuell danach. Aber die Infrastruktur, in der solche Daten verarbeitet werden, ist längst im Aufbau: durch Regulierung, Offenlegungsprogramme, methodische Standards und neue Austauschformate. Wer nur auf den Moment schaut, in dem eine einzelne Anfrage eintrifft, hält das leicht für eine Ausnahme. Wer auf die Programme dahinter schaut, sieht eher einen Trend.
CO₂-Daten stehen deshalb nicht plötzlich im Angebot, weil Unternehmen über Nacht nachhaltiger kommunizieren wollen. Sie stehen dort, weil sich im Hintergrund die Anforderungen an Vergleichbarkeit verschoben haben. Und weil Zahlen, die früher im Bericht endeten, heute zunehmend dort landen, wo Entscheidungen vorbereitet werden.